Max Weber

 

 

[Stefan George]

 

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Texte zur George-Rezeption

 

Nun aber, m. H., fragen wir einmal, ob denn das, was man im gewöhnlichen Sinn des Wortes moderne Technik nennt, nicht irgendwie doch mit formal-ästhetischen Werten in Beziehung steht, so ist diese Frage meiner Meinung nach zweifellos zu bejahen, insofern als ganz bestimmte formale Werte in unserer modernen künstlerischen Kultur allerdings nur durch die Existenz der modernen Großstadt, der modernen Großstadt mit Trambahn, mit Untergrundbahn, mit elektrischen und anderen Laternen, Schaufenstern, Konzert- und Restaurationssälen, Cafés, Schloten, Steinmassen, und all dem wilden Tanz der Ton- und Farbenimpressionen, den auf die Sexualphantasie einwirkenden Eindrücken und den Erfahrungen von Varianten der seelischen Konstitution, die auf das hungerige Brüten über allerhand scheinbar unerschöpfbare Möglichkeiten der Lebensführung und des Glückes hinwirken, geboren werden konnten. Teils als Protest, als spezifisches Fluchtmittel aus dieser Realität: — höchste ästhetische Abstraktionen oder tiefste Traum- oder intensivste Rausch-Formen, teils als Anpassung an sie: — Apologien ihrer eignen phantastischen berauschenden Rhythmik. M. H., ich glaube, daß eine Lyrik, wie etwa die Stephan Georges: — ein solches Maß von Besinnung auf die letzten, von diesem durch die Technik unseres Lebens erzeugten Taumel uneinnehmbaren Festungen rein künstlerischen Formgehalts gar nicht errungen werden konnte, ohne daß der Lyriker die Eindrücke der modernen Großstadt, die ihn verschlingen und seine Seele zerrütten und parzellieren will, — und mag er sie für sich in den Abgrund verdammen, — dennoch voll durch sich hat hindurchgehen [99] lassen; erst recht natürlich nicht eine Lyrik wie die Verhaerens, der sie emphatisch bejaht und nach ihren immanenten und adäquaten Formungen und Einheiten sucht. Ich glaube ebenso, daß ganz bestimmte formale Werte der modernen Malerei gar nicht erschaut werden konnten, daß ihre Erringung nicht möglich gewesen wäre für Menschen, welche die bewegten Massen, die nächtlichen Lichter und Reflexe der modernen Großstadt mit ihren Verkehrsmitteln — nicht des London des 17. oder 18. Jahrhunderts, in dem, um ein anderes Gebiet heranzuziehen, noch ein Milton geboren werden konnte, den ganz gewiß kein Mensch für ein mögliches Produkt einer modernen Großstadt halten wird — ich sage, es ist gar nicht möglich, glaube ich, daß gewisse formale Werte der modernen Malerei ohne den noch nie in aller Geschichte menschlichen Augen dargebotenen Eindruck, denjenigen eigentümlichen Eindruck, den die moderne Großstadt schon am Tag, aber vollends in überwältigender Weise bei Nacht macht, hätten errungen werden können. Und da das Sichtbare — auf welches es hier allein ankommt — bei jeder modernen Großstadt bis ins letzte hinein seine spezifische Eigenart primär nicht von Eigentumsverhältnissen und sozialen Konstellationen, sondern von der modernen Technik empfängt, so ist hier allerdings ein Punkt, an dem die Technik rein als solche, sehr weittragend für die künstlerische Kultur, Bedeutung hat. Mag man im weiteren kausalen Regressus von dieser Technik aus nun wieder auf ökonomische, politische und andere sie erst ermöglichende Faktoren kommen, — jedenfalls sind nicht diese, sondern sind es rein technische Dinge, von denen her jene — vielleicht! — künstlerisch relevanten Einflüsse ins Leben treten.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Technik und Kultur, Vortrag von Professor Dr.Werner Sombart, Berlin.
Diskussion. Professor Max Weber, Heidelberg.
In:
Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19. - 22. Oktober 1910 in Frankfurt a. M.
Reden und Vorträge von Georg Simmel [...] und Debatten.
Tübingen: Mohr 1911 (= Schriften der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. 1. Serie: Verhandlungen der Deutschen Soziologentage, Bd. 1), S. 95-101;
unser Auszug; S. 98-99. [PDF]
URL: https://archive.org/details/verhandlungendes00deut
URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/006070062

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Kommentierte Ausgabe

 

 

Literatur

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