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Texte zur George-Rezeption
Nun aber, m. H., fragen wir einmal, ob denn das, was man im
gewöhnlichen Sinn des Wortes moderne Technik nennt, nicht
irgendwie doch mit formal-ästhetischen Werten in Beziehung steht, so ist
diese Frage meiner Meinung nach zweifellos zu bejahen, insofern
als ganz bestimmte formale Werte in unserer modernen künstlerischen
Kultur allerdings nur durch die Existenz der modernen
Großstadt, der modernen Großstadt mit Trambahn, mit Untergrundbahn,
mit elektrischen und anderen Laternen, Schaufenstern, Konzert- und
Restaurationssälen, Cafés, Schloten, Steinmassen, und all
dem wilden Tanz der Ton- und Farbenimpressionen, den auf die
Sexualphantasie einwirkenden Eindrücken und den Erfahrungen von
Varianten der seelischen Konstitution, die auf das hungerige Brüten
über allerhand scheinbar unerschöpfbare Möglichkeiten der
Lebensführung und des Glückes hinwirken, geboren werden konnten. Teils als
Protest, als spezifisches Fluchtmittel aus dieser Realität: — höchste
ästhetische Abstraktionen oder tiefste Traum- oder intensivste
Rausch-Formen, teils als Anpassung an sie: — Apologien ihrer eignen
phantastischen berauschenden Rhythmik. M. H., ich glaube, daß eine
Lyrik, wie etwa die Stephan Georges: — ein solches Maß von Besinnung
auf die letzten, von diesem durch die Technik unseres Lebens
erzeugten Taumel uneinnehmbaren Festungen rein künstlerischen
Formgehalts gar nicht errungen werden konnte, ohne daß der Lyriker die
Eindrücke der modernen Großstadt, die ihn verschlingen und seine
Seele zerrütten und parzellieren will, — und mag er sie für sich in den
Abgrund verdammen, — dennoch voll durch sich hat hindurchgehen
[99] lassen; erst recht natürlich nicht eine Lyrik wie die Verhaerens, der
sie emphatisch bejaht und nach ihren immanenten und adäquaten
Formungen und Einheiten sucht. Ich glaube ebenso, daß ganz
bestimmte formale Werte der modernen Malerei gar nicht erschaut
werden konnten, daß ihre Erringung nicht möglich gewesen wäre für
Menschen, welche die bewegten Massen, die nächtlichen Lichter und
Reflexe der modernen Großstadt mit ihren Verkehrsmitteln — nicht
des London des 17. oder 18. Jahrhunderts, in dem, um ein anderes
Gebiet heranzuziehen, noch ein Milton geboren werden konnte, den
ganz gewiß kein Mensch für ein mögliches Produkt einer modernen
Großstadt halten wird — ich sage, es ist gar nicht möglich, glaube ich,
daß gewisse formale Werte der modernen Malerei ohne den noch nie
in aller Geschichte menschlichen Augen dargebotenen Eindruck,
denjenigen eigentümlichen Eindruck, den die moderne Großstadt schon
am Tag, aber vollends in überwältigender Weise bei Nacht macht,
hätten errungen werden können. Und da das Sichtbare — auf
welches es hier allein ankommt — bei jeder modernen Großstadt bis ins
letzte hinein seine spezifische Eigenart primär nicht von
Eigentumsverhältnissen und sozialen Konstellationen, sondern von der
modernen Technik empfängt, so ist hier allerdings ein Punkt, an dem
die Technik rein als solche, sehr weittragend für die künstlerische
Kultur, Bedeutung hat. Mag man im weiteren kausalen Regressus
von dieser Technik aus nun wieder auf ökonomische, politische und
andere sie erst ermöglichende Faktoren kommen, — jedenfalls sind
nicht diese, sondern sind es rein technische Dinge, von denen her jene
— vielleicht! — künstlerisch relevanten Einflüsse ins Leben treten.
Erstdruck und Druckvorlage
Technik und Kultur, Vortrag von Professor Dr.Werner Sombart, Berlin.
Diskussion. Professor Max Weber, Heidelberg.
In:
Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19. - 22. Oktober 1910
in Frankfurt a. M.
Reden und Vorträge von Georg Simmel [...] und Debatten.
Tübingen: Mohr 1911 (= Schriften der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.
1. Serie: Verhandlungen der Deutschen Soziologentage, Bd. 1), S. 95-101;
unser Auszug; S. 98-99.
[PDF]
URL: https://archive.org/details/verhandlungendes00deut
URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/006070062
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Kommentierte Ausgabe
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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer