B.

 

Von der neuesten englischen Poesie.

 

 

Text
Editionsbericht
Literatur: B.
Literatur: Vaterländisches Museum.

 

[101] Wenige Liebhaber der Dichtkunst werden Bouterweks jüngst erschienene Geschichte der englischen Poesie unbefriedigt aus den Händen legen, ein Werk, an dem unbeschadet seiner andern Verdienste uns mit Recht zu rügen scheint, daß in demselben der neuesten uns bekannten Tendenz der englischen Poesie gar keine Erwähnung geschieht. Ohne uns darauf einzulassen, ob diese Unterlassung auf Willkühr oder auf Unkunde beruhe, fühlen wir uns gedrungen, sie historisch nachzutragen.

Herr Pr. B. bemerkt sehr richtig S. 292, daß von der Mitte des 18ten Jahrhunderts an, die ausschließende Bewunderung der Popeschen Schule nachgelassen habe, und das Natürliche wieder mehr hervorgezogen worden sey. Es war dieses jedoch mehr eine Natürlichkeit, wie sie von Gelehrten auf ihren Schreibstuben gedacht wird, als eine wahre, lebendige Natur; und die äußere Politur blieb dennoch im Allgemeinen die Hauptsache.

[102] Es mußte endlich in einer tief und wahr fühlenden Nation der Augenblick einer neuen Mündigkeit des poetischen Geistes eintreten; es mußte wieder laut anerkannt werden, daß Poesie und Versekunst, wenn gleich verwandt, doch nicht nothwendig mit einander verbunden sind, und daß es Verse ohne Poesie, wie auch Poesie ohne Versmaaß geben könne; es mußte sich aussprechen, wie hoch die natürliche Begeisterung über der gelehrten steht. Denn wer kann wohl in Zweifel ziehen, daß es nicht immer ächte Dichter gegeben habe, allein man hat sie verkannt, und dadurch an sich selbst irre gemacht. Wenn man weiter nach den Gründen dieses Verkennens frägt, so läßt sich, mit einem der Literatur zu früh entzogenen treflichen Kopfe, antworten, *) weil leider "die meisten Menschen ihren Beyfall nicht aus lebendigem Gefühl, aus wahrer Ueberzeugung und Einsicht geben, sondern wegen eines Nebenumstandes, der ihrer Eigenliebe, ihrer Neugier, ihrer Zuneigung oder ihrem Hasse schmeichelt." Dieser Nebenumstand war hier, der auf Treu und Glauben fortgepflanzte, und mit der frühesten Bildung eingeimpfte Grundsatz, die Poesie sey die Kunst, geregelte, hoch- und wohlthönende Verse zu schmieden.

Den Uebergang zu einer andern Sinnesart mußte ein Dichter bilden, der Schulgelehrter zugleich, durch Vernachlässigung der kunstgerechten Vollkommenheit nicht den Vorwurf der Unwissenheit auf sich laden konnte. Ein solcher zeigte sich in William Cowper, dessen erste Gedichte schon 1782 erschienen, und nachher viele male wieder aufgelegt sind; eine Auflage von 1803 liegt vor uns. **) Was diesen Dichter dem englischen Publikum [103] so werth gemacht hat, ist wahrscheinlich seine methodistisch-strenge Ansicht der christlichen Religion, deren Lehren er mit vieler Wärme in acht desultorischen Gedichten vorträgt. Es sind planlose Ergüsse eines tief ergriffenen Gemüthes, in schlecht gereimten Jamben, bald didaktisch trocken, bald hinreißend belebt und schon, bald geschroben witzig, bald innigst gefühlt, aber immer mit auffallender Vernachlässigung der Vollkommenheit und Ründung des Versbaues. – Später erschien sein minder beliebtes Gedicht, the Task, in 6 Büchern und ungereimten Jamben. Hier schildert der Dichter aus eigener Umgebung, häusliche und ländliche Scenen, und hier zeigt sich auch sogleich eine andere Natürlichkeit, als die gelehrte. Es werden uns nicht wieder mit veränderten Worten die ewigen Allgemeinheiten der Stubendichter vorgetragen, sondern wir erblicken das Besondere, was aus der Vereinigung der bestimmten Kennzeichen eines Gegenstandes mit der erhöhten Stimmung des Dichters hervorgeht. Die Nachlässigkeiten des Sprachbaues sind bey den reimfreyen Jamben weniger auffallend – die kleineren Stücke dieses Dichters verdienen (außer der ins Volk übergegangenen komischen Ballade von John Gilpin) weniger Aufmerksamkeit.

Cowper bahnte den Weg für den Beyfall, den ein ächter Naturdichter, der schottische Bauer Robert Burns, fand. Seine ersten Gedichte erschienen 1786; die vierte Auflage ist von 1803. *) Die treflichen alten schottischen Volkslieder haben unstreitig seine Muse erweckt. Welches größere Lob aber, als daß er diese bezaubernden Naturlaute zum Theil erreicht, zum Theil ergänzt, zum Theil gereiniget habe! **) alle Künst[104]lichkeit ist fern von ihm geblieben, denn er hat nur aus wahrem Drang gedichtet; ihn ganz zu genießen, erfordert eine leichte Kenntniß des schottischen Dialekts, denn seine englischen Gedichte stehen den schottischen weit nach.

Robert Southey trat 1796 mit einem freyen epischen Gedicht, Joan of Arc, auf, welches vielen Beyfall erhielt. Für unsern Zweck sind seine Balladen *) merkwürdig, die den alten Ton in dieser Gattung wieder einzuführen suchten, welches ihm auch in the old woman, bishop Hatto, the young man und mehreren andern sehr geglückt ist.

Die Lyrical Ballads von William Wordsworth erschienen 1799. Die vierte Ausgabe von 1805 ist mit einer merkwürdigen Vorrede versehen, die gegen die in der englischen Kritik herrschenden Grundsätze gerichtet ist. Wordsworth verwirft darin förmlich den angenommenen Gegensatz zwischen Poesie und Prosa, und sucht an einem Sonnett von Gray darzuthun, daß das eigentlich Schöne und Dichterische darin, sich in der Wortstellung auf keine Weise von der Prosa unterscheide. Er behauptet weiterhin: das wirkliche Gefühl musse sich auch immer am besten ausdrücken, und will dem Dichter nur eine Auswahl, oder Entfernung vom schmerzlich-widerlichen, bey der Nachahmung zugestehen. Damit hängt denn auch die Wahl der von ihm besungenen Gegenstände zusammen, die ganz aus dem gemeinen Leben gegriffen sind. Er ist also ein systematischer Naturdichter, und steht als eine einzige Erscheinung in der englischen Literatur da.

[105] Es ist nicht zu bezweifeln, daß dieser Dichter auch bey uns Beyfall finden würde; er besitzt eine eigene Gabe, den gewöhnlichsten Gegenständen neue Beziehungen auf das Gefühl anzuzaubern, und selbst beschränkte Zustände des Gemüths poetisch zu ergreifen, Er verschwistert uns mit Wald und Wasser, mit Busch und Stein, weiß Gleichgültigkeit in Lust, und Widerwillen in Mitleid umzuwandeln; kurz, in ihm waltet der alles verbindende, alles versöhnende Geist der ewigen Liebe.

Daß die Kunstrichter der strikten Observanz sich mit klassischen Keulen gegen solch einen Neuerer erheben würden, war zu erwarten. Er ist das Stichblatt des gelehrten Witzes geworden, weiß indessen, (wie er es in seiner Vorrede äußert) daß er den Wenigen, für welche er schrieb, auch ungewöhnlich gefallen würde.

Wie es diesen Augenblick mit der Poesie in England stehe, ist bey dessen gänzlicher Absonderung von dem festen Lande nicht wohl auszumitteln. Der Verfasser dieses Aufsatzes besitzet jedoch zwey Bände neuer Gedichte von Wordsworth, die 1807 in London herausgekommen sind. Indessen scheinen diese nur jugendliche Versuche und Skizzen zu seyn, in denen sich zwar auch das schöne Gemüth des Dichters spiegelt, die aber den Lyrical Ballads auf keine Weise verglichen werden können. Southey hatte sich leider in epischen Gedichten verloren. (Thalaba 1801. Madoc 1805.)

Dieses wird hinlänglich seyn, um zu beweisen, daß in der englischen Poesie, fast zu gleicher Zeit mit der ihr verwandten deutschen, derjenige alte Sinn wieder erwacht ist, der sich getrieben fühlt, die Musen von den willkührlichen Fesseln pedantischer Regeln zu erlösen, sie von dem Katheder wieder in das freye Feld, von dem Kanape unter das Strohdach zurückzu[106]führen, um von frischen Menschen aufs neue belebt, diejenige goldene Zeit wieder zu bringen, wo Poesie mit dem täglichen Leben innigst verwebt, alles Niedrige zu veredeln wußte, alles Rauhe abzuschleifen verstand, alles Jrdische mit dem Ewigen in Beziehung brachte, und so den Menschen unter Sang und Klang von der Wiege bis zum Grabe geleitete.

 

 

[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern bezeichneten Seiten]

[102] *) (Wezel) Ueber Sprache, Wissenschaften und Geschmack der Deutschen. Leipzig 1781. S. 267.   zurück

[102] **) Poems by William Cowper of the Inner Teinple Esq. in two Volumes. A new Edition. London 1803.   zurück

[103] *) The Works of Robert Burns with an account of his Life &c. in four Volumes. Fourth Edition. London 1803.   zurück

[103] **) S. das prächtige Werk: A select Collection of original Scottish [104] Airs &c. 4 Vol. Fol. wo sich viele sowohl von Burns eigenen, als auch durch ihn abgeänderten schottischen Liedern befinden.   zurück

[104] *) Sie stehen in Poems by Robert Southey, 2 Vol. London 1801. und Metrical Tales and other Poems by the same. London 1803.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Vaterländisches Museum.
1811, Zweiter Band. Erstes Heft, S. 101-106.

Gezeichnet: B.


Vaterländisches Museum   online
URL: http://ds.ub.uni-bielefeld.de/viewer/toc/2108422/0/LOG_0000/   [1810/11]
URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/008920522   [1810/11]
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10614828   [1810]
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10614829   [1811]
URL: https://books.google.fr/books?id=EhIbAAAAYAAJ   [1810]
URL: https://books.google.fr/books?id=P91GAAAAcAAJ   [1811]

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

 

Literatur: B.

Bödeker, Birgit / Rohde-Gaur, Sybille: Zur Rezeption britischer Literatur in Deutschland (1800-1870). Grundlagen und zwei Beispiele. In: Weltliteratur in deutschen Versanthologien des 19. Jahrhunderts. Hrsg. von Helga Eßmann u.a. Berlin 1996, S. 51-76.

Duff, David: Romanticism and the Uses of Genre. Oxford 2009.

Duff, David (Hrsg.): The Oxford Handbook of British Romanticism. Oxford 2018.

Knapp, Lore u.a. (Hrsg.): Britisch-deutscher Literaturtransfer 1756-1832. Berlin 2016.

Pittock, Murray (Hrsg.): The Reception of Robert Burns in Europe. London 2014.

Reiling, Jesko: Volkspoesie versus Kunstpoesie. Wirkungsgeschichte einer Denkfigur im literarischen 19. Jahrhundert. Heidelberg 2019 (= Beihefte zum Euphorion, 107).

Saglia, Diego: European Literatures in Britain, 1815-1832. Romantic Translations. Cambridge 2019.

Williams, John: Wordsworth Translated. A Case Study in the Reception of British Romantic Poetry in Germany 1804-1914. London u.a. 2009.

 

 

Literatur: Vaterländisches Museum

Bobeth, Johannes: Die Zeitschriften der Romantik. Leipzig 1911, S. 230-232.
URL: https://archive.org/details/diezeitschriften00bobeuoft

Kuhles, Doris: Deutsche literarische Zeitschriften von der Aufklärung bis zur Romantik. Bibliographie der kritischen Literatur von den Anfängen bis 1990. 2 Bde. München u.a. 1994

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer