Text
Editionsbericht
Literatur
Lyrik.
§. 89.
Das Wesen der Lyrik ist lebendiger Ausdruck des bewegten Gemüths; Darstellung rein-menschlicher Empfindungen, d.h. Empfindungen der Menschheit. Ihr Charakterist schöne Eigenthümlichkeit. Sie ist die subjectivste Poesie, wiewol die Subjectivität objectiv ist; daher ist sie gewissermassen schematisch. Da die Empfindung im Dichter durch eine äussere Veranlassung oder durch einen Gedanken erregt seyn muss, so erhält das lyrische Gedicht durch Andeutung derselben eine objective Richtung, und gleichsam einen Ableiter.
Folgerung 1. Weil die lyrische Poesie Ausdruck von Empfindungen ist, so wird sie [91] sich stets in der Gegenwart bewogen, weil sonst der Gedanke über der Empfindung stehen müsste.
Folgerung 2. Weil die Lyra nur die Empfindung ausdrückt, auf die Veranlassung aber oder den Gedanken nur hindeutet, so wird vielleicht der äussere Zusammenhang unterbrochen scheinen, wiewohl innerlich volle Entwickelung waltet.
Zusatz 1. Die Sphäre der lyrischen Poesie ist so gross als der Kreis menschlicher Empfindung.
Anmerkung. Es versteht sich von selbst, dass Empfindung ohne Gedanken schlechthin nicht auszusprechen ist, und dass also das Gesagte nicht so verstanden werden müsse, als sey das lyrische Gedicht gedankenleer.
Zusatz 2. Die lyrische Poesie wird ihrem Wesen nach den grössten Wechsel von
[92] Rhythmus, Sylbenmaass, Reimverschlingungen u. s. w. haben.
§. 90.
Die Alten nannten alle lyrischen Gedichte Oden; die Neueren haben das Lied von der Ode gesondert.
Ueber die einzelnen Benennungen, durch welche die Verschiedenheit des Inhalts und der ihm angemessenen Form bezeichnet wurde: die Hymne; Dithyramben; diejenigen irren, die, etwa auf Horazens Wort, völlige Gesetzlosigkeit zu ihrem Charakter machen; (Klopstock's, Schiller's, Göthe's Dithyramben ); Skolien.
Will man das Lied von der Ode trennen, so wäre ihm etwa die Sphäre leichterer und sanfterer Empfindungen zuzuschreiben, so, dass der Charakter des Lieds leichtschwebende Beweglichkeit, (daher Sangbarkeit) sinnreich, verständlich, einfach und natürlich [93] wäre. Die Trennung ist aber bloss der Uebersicht wegen. Charakteristik des Anakreon, des Catullus, Horaz (in sofern), der Minnelieder und Troubadours (Was Madrigal, Triolet); über die Lieder der Italiäner, Spanier, Franzosen (Chansons), Engländer (Percy). Unter den vielen deutschen Liederdichtern glänzt vor Allen Göthe; Beispiele von ihm. – Etwas über das Volkslied, dessen Wesen nicht etwa in Gemeinheit besteht. Erinnerung an die Sammlungen derselben und ihre Charakteristik.
Die Sphäre der Ode umschlösse hingegen alle tieferen Bewegungen des Gemüths, das, zerrissen, erschüttert, in innerster Tiefe aufgeregt, Mühe hat, sich zu äussern; Daher ihr Charakter dem des Liedes in sofern entgegengesetzt. – Griechische Lyriker: Alcäus, uns mittelbar durch Horaz bekannt; Sappho's Charakteristik nach dem, was sich von ihr erhalten, etwas zu ihrer Vertheidigung gegen die Comödiendichter und den leichtfertigen Ovid; Pindar, der auf dem [94] Wendepunkt der griechischen Lyra steht; die Verehrung desselben im Alterthum; unwürdige Ansicht, als seyen seine Hymnen Gelegenheitsgedichte, in die er, um durchzukommen, die Mythologie geflochten: was konnte er Höheres singen, als die Kämpfe Olympia's? (Andeutung, was diese Spiele für Griechenland waren); sind nicht Menschen und Götter Eines Stammes? und wozu sollte der Sieger mehr gepriesen werden, der die grösste Freude genoss, welche jeden Morgen zurück kehrt?
Anmerkung. Warum die Blüthe der Lyrischen Poesie mit der des Republicanismus zusammenfiel. In der Geschichte der Kunst steht die Lyra auf der zweiten Stufe der Entwickelung des poetischen Geistes, wie das Epos auf der ersten, und das Drama auf der dritten.
Römer. Charakteristik des Horatius. Oden der Südländer (Canzonen); der Franzosen; der Engländer (Pindarische Oden). Deut[95]sche: Opitz, Uz, Ramler, u. s. w. Der grösste Odendichter der Deutschen Klopstock, nicht durch die an den Erlöser, an den Erbarmer, sondern durch solche wie der Zürchersee, Bardale, an Cidli, u. s. w. Klopstocks Unglück war, dass er quantitativ sich dem Unendlichen nähern zu können glaubte.
Zusatz. Ueber das Sonnet, welches zwischen reiner Lyra und der Elegie in der Mitte zu stehen scheint. sein Hauptcharakter ist Ausdruck der Liebe und Sehnsucht. Aber es hat auch aller Verstandesreflexion gedient, und ist oft wie das Madrigal epigrammatisch.
§. 91.
Zwischen der Lyrik und dem Epos liegt die Elegie, sich an beide anschliessend. Sie ist sinniger reflectirender Ausdruck des bewegten Gemüths, Ausdruck der Betrachtung über eine Empfindung. Ihre Sphäre ist so gross, als die der Lyrischen Poesie, in sofern die Empfindung zur Kontemplation kommt, sie umfasst das [96] ganze Leben. Ihr Charakter Ruhe und Beharrlichkeit; daher der Irthum, als schickten sich nur sanfte Empfindungen für die Elegie. Weil die Empfindung vorüber ist, so geht die Elegie gern in die Vergangenheit. Daher die Ruhe und Beharrlichkeit. Der Dichter giebt, und giebt sich, (dadurch lyrisch) aber aus einer andern Zeit, so dass er auf sich hinüberschauet, (dadurch episch).
Diese Zwischenrolle der Elegie, durch welche sie förmliche epische Erzählungen erlaubt und von der andern Seite völlig lyrische Ergiessungen, spricht sich vortrefflich im Distichon aus, der Versart der alten Elegie.
Von den griechischen Elegikern: Kallimachus, Hermesianax, Tyrtäus.
Charakteristik der Römer: Catull, Tibull, Properz, Ovid.
Bei den Neueren wurde nur die Darstellung sanfter Traurigkeit, Schwer- und Wehmuth – Elegie genannt – (auch Horaz: |97] querimonia primum; auch Ovid: elegeïa flebile carmen). – Italiäner: (in Sonnetten und Terzinen); Franzosen; Die Engländer haben wenige recht gute. Zu den schönsten deutschen Elegien gehören die von Klopstock (die künftige Geliebte, Selmar und Selma). Die alte wahre Elegie hat uns Göthe wieder gegeben, Properzens erhabene Kühnheit mit Tibulls Zartheit und Liebenswürdigkeit vereinigend. Er giebt Beispiele für alle Arten der Elegie. Schiller, dessen eigentliches Wesen elegisch ist im angegebenen Sinne.
Zusatz. Etwas über die Heroide, eine besondere Art der Elegie. Ovid.
§. 92.
Wird die Empfindung nur so lange im Bewusstseyn festgehalten, dass nur Eine Reflexion über sie ausgesprochen wird, so ist die Darstellung ein Epigramm. Das Epigramm also eigentlich nichts als eine kleine Elegie. – Beispiele aus der Anthologie, [98] aus Göthe, der uns auch das alte Epigramm wiedergegeben, aus Schiller. – Ueber Martialis.
Das Epigramm der Neueren ist eine blosse Verstandessache. (Lessings Meinung). Beispiele aus Logau, Kästner, Lessing u. a.
Zusatz. Die älteste Art des Epigramms, wie vielleicht die älteste Art der Poesie
überhaupt, waren Gnomen. Da diese ihrem Wesen nach kleine Lehrgedichte sind, so scheinen sie keine unschickliche Veranlassung zu geben, in einem Anhange etwas über das Lehrgedicht zu sagen, welches eben so wenig eine Unterart des Epos als der Lyrik ist.
1. Anhang.
Das Lehrgedicht.
§. 93.
Da es zum Wesen jedes Kunstwerks ge[99]hört, dass es schlechthin absolut seyn, d. h. seinen Zweck in sich selbst haben muss (Vergl. §. 16.), so kann eine Rede, die darauf ausgeht, etwas zu lehren, auf keine Weise Poesie seyn. Wer den Zweck will, bedarf der Mittel, die verständig berechnet werden müssen; das s. g. Lehrgedicht ist desswegen nichts als ein Verstandesproduct. Der Gegenstand ändert die Sache hier nicht, wie bei der Architektonik, und es ist durchaus einerlei, ob eine Philosophie oder die Schaafschur gelehrt wird, wenn gleich die Poesie exoterische Philosophie ist.
§. 94.
Da aber die Einsichten und Ansichten, welche gelehrt werden sollen, von wahrhaft poetischen Empfindungen begleitet seyn können, so ist begreiflich, wie uns s. g. Lehrgedichte, wegen einzelner schöner Stellen und der poetischen Form des Ganzen gefallen mögen, immer aber erscheint in ihnen nur der Leib der Poesie, dem die Seele fehlt.
§. 95.
[100] Ueber den Ursprung des Lehrgedichts; über die merkwürdige Erscheinung, dass die Gnomen im elegischen, Hesiodus aber wie die Gedichte der Physiker im epischen Versmaasse waren, und, dass die schöne Zeit Griechenlands kein Lehrgedicht trieb. Was die Alexandriner dazu reizte. Ihre Charakteristik. – Römer: Lucretius, den alten Physikern vergleichbar, scheint ein wahrer aber verirrter Dichter; Die gewaltigen Lobpreisungen desselben scheinen Einige nach dem Anfange oder dem Lobe Epicurs gemacht zu haben; (vergl. die Angabe seines Zwecks I, 921 f., eines Alexandriners würdig ). – Virgils Georgica, das Vorbild aller neuen Lehrgedichte. Ovid's ars amandi u. s. w. mit Recht in elegischen; Horazens Ars poetica, mit Recht in epischen Versen. – Ueber die Neueren, besonders die Engländer, die Alles nach und nach in Versen lehren. – Deutsche: Neubeck's Gesundbrunnen, Göthe's Metamorphose der Pflanzen.
[101] Zusatz 1. Was vom Lehrgedicht im Allgemeinen gilt, das gilt auch von der Satyre, die gleichfalls ihren Zweck ausser sich hat. (Da sie nicht ausschliessend, wiewol zunächst, der Poesie angehört, so ist über sie schon beiläufig gesprochen. Vergl. §. 31. Zusatz 4.). Sie ist moralisch, und strömt wider das Laster aus, was Empörtheit, Zorn und Bitterkeit einhauchen. Sie hat kein freies Leben, aber die Reinheit eines männlichen Gemüths im Schmutze der Zeit ist erfreulich. Sie verfolgt keine Person sondern das Laster, und kennt keine Schonung und Delikatesse, weil sie Ekel und Schaam erregen will.
Warum die Griechen wahrscheinlich keine Satyre hatten (Quintilian: satyra tota est nostra. Das Drama Satyrikon gehört nicht hieher). – Charakteristik des Juvenalis. Ueber das: ridendo dicere verum, und die komische (verwerfliche) Satyre. – Je mehr die Sünde und das Laster in der Welt überhand nahm, desto beliebter ist bei den Neueren die Satyre geworden (Im Sulzer trägt [102] die Literatur 144. S. aus); aber den Deutschen hat sie nie recht gelingen wollen. Warum nicht?
Anmerk. Ueber Persifllage.
Zusatz 2. Ueber beschreibende Poesie. Weil die Poesie ihrem Wesen nach genisirend ist, so kann eine Beschreibung des Seyenden nicht wahrhaft poetisch seyn. Das Abmahlen der Natur kann aber poetisch werden, wenn es nicht sowol Copie ist, als Darstellung des Geistes der Natur. Die Natur muss symbolisch genommen werden.
Erläuterung durch Beispiele. – Ueber Thomson's Jahrszeiten und Kleists Frühling. Matthisson.
Erstdruck und Druckvorlage
Heinrich Luden: Grundzüge ästhetischer Vorlesungen.
Göttingen: Danckwerts 1808, S. 90-102.
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
PURL: https://hdl.handle.net/2027/nnc1.cu56611129
PURL: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN503091944
URL: https://books.google.fr/books?id=pfDkEGqpUOMC
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Lyriktheorie » R. Brandmeyer