Johann Jakob Wagner

 

System der Idealphilosophie

§. 107.   Lyrische Poesie

 

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Editionsbericht
Literatur

 

[271] Von dem Epos, dem Mährchen und dem Drama sagen wir, daß sie die ersten und auch ältesten Kinder der Poesie seyen. Das letztere ist unter uns Neuern so sublimirt worden, daß es statt einer That nur einen Charakter organisirt, oder Gegensätze von Charakteren entwickelt; das Mährchen dagegen ist schon frühe milesisch geworden, und hat sich unter uns vollends als Roman ausgebildet, in welchem statt des erhabenen Schicksals der gemeine Naturlauf der Dinge vorwaltet, und statt irgend einer des Schicksals werthen Bestimmung des Helden die Liebe und ihr Ziel allgemein eingeführt ist. Göthe hat unter uns durch seinen Wilhelm Meister die Bedeutung des Romans "als Lehrjahre des Helden" wieder veredelt, und den alten Sinn des Mährchens durch seine Aeußerung über den Roman, "daß in ihm der Charakter des Helden das Retardirende sey" wieder berührt, so wie eben auch Göthe das Drama darin anerkannt hat, daß er sagt: "das Drama soll eilen, und der Charakter der Hauptfigur muß sich nach dem Ende drängen, und nur aufgehalten werden" *). Beyde Aussprüche des Dichters sind in unserer Ansicht des Mährchens und des Drama gegründet.

Mit dem Epos theilt das Mährchen sowohl als das Drama die Universalität seiner Welt, und es bildet diese Trias die erste Potenz der poetischen Kunst. Untergeordnet und der Sphäre nach enger ist die lyrische Stufe, oder die Potenz des Individuellen, in welcher das Ideelle [272] der epischen Stufe zum Subjektiven, das Reelle aber zum Objektiven herabsinkt. Was nun für die epische Stufe das Epos, das ist für die lyrische das Lied, und wie das Epos den Rhapsoden verlangt, so fordert das Lied Leyer und Gesang. Wie dann in der Individualität ferner der subjektive Sinn für die Rührung als Ohr ist, der objektive aber die Objekte von sich entfernt schaut, so ergießt sich auch die lyrische Poesie bald als Spiel der Empfindung, musikalische Lyrik, Elegie, bald auch als fixirte Welt individueller Anschauung, malerische Lyrik, Romanze *). Daß ich hier statt der musikalischen Lyrik die Elegie nur, statt der malenden aber nur die Romanze anführe, ist darum, weil diese beyden am meisten jenen Charakter des Musikalischen oder Pittoresken repräsentiren. Vielfach aber bleibt das Gebiet der musikalischen Lyrik sowohl als der malerischen, denn es gehorcht jener die Ode, das subjektive Ideenspiel, als auch das subjektive Spiel mit Begriffen und Vorstellungen, wie in Horazens Satyren, Ovids Kunst zu lieben u. s. w.; dieser aber ist unterthan was die Schilderung objektiver Natur in sich hält, es sey nun ruhende räumliche Anschauung mit subjektiver Beziehung tingirt, (in welcher Art sich Matthisson mit mehr Willen als Glücke versucht hat) oder es sey auch ein dramatisches Gemälde der handelnden Welt, (wie Gö[273]the's Jahrmarkt zu Plundersweilern) oder endlich es sey die eigentliche Romanze, poetische Geschichte.

Ohne Zweifel ist die lyrische Stufe von der echten Genialität der Poesie um so weiter entfernt, als sie das Genie in den engeren Kreis des Individuellen hineinzwingt, in welcher Beschränkung ihm die ewigen Sterne der epischen Poesie nicht mehr als Weltsphären, sondern als Lichter erscheinen; und wenn vollends die musikalische Lyrik in den engen Kreis der Begriffe herabsteigt (das, was man ehmals Lehrgedichte nannte, wie Horazens Epistel an die Pisonen), oder die malerische sich auf das Schildern verlegt, so erkennst du den poetischen Geist höchstens noch in der Freyheit des Spiels, oder der tiefen Klarheit und Absichtlosigkeit seiner Schilderung. Dieser niederen Sphäre der Poesie ist daher sogar auch der sittliche Ernst nicht mehr fremde, der sich als Satyre in die Verdorbenheit eines Zeitalters hinstellt, und sie darf es sogar wagen, die niedere Natur in ihrer Entblösung von dem Ideellen im Niedrig-Komischen und der Karikatur hinzustellen. Sie rührt durch die ernste Satyre an den naturlosen Geist, durch das Niedrig-Komische aber an die geistlose Natur, über welchen beyden die echt epische Poesie eben so erhaben ist, wie das Firmament über dem einsamen Wandrer, und den Fröschen, deren Geschrey sein Nachdenken stört.

Das höhere Komische besteht, wie eben bemerkt worden, nur unter dem epischen, das Niedrig-Komische unter dem lyrischen Charakter, und wie jenes überhaupt nicht nur der Bedeutung, sondern auch der Ausführung nach universell ist, so ist dagegen das letztere in der Ausführung [274] durchaus individuell, wie die Lyrik überhaupt. Das Niedrig-Komische, wie z. B. Moliere's Lustspiele, bleibt innerhalb der Schranken einer Subjektivität oder eines Charakters, das höhere Komische nimmt in seinen dramatischen oder mährchenhaften, überhaupt aber durchaus epischen, Charakter nur eine Welt auf.

Wem hiedurch zwischen dem höhern und dem niedrigern Komischen blos ein quantitativer Unterschied gesetzt zu seyn schiene, der würde uns oben, wo wir die Potenzen des Schönen und das Wesen des Epos entwickelten, wenig verstanden haben. Die Individualität ist eine engere Stufe als die universelle Totalitát, und wenn in jener die Ideen ihre Einheit spiegeln, so spiegeln sie in dieser ihre unendliche Vielheit und Fülle, und gefallen sich, alle Potenzen mit willkührlich scheinender Vèrwirrung durch einander zu werfen. Daher kann in dem höheren Komischen nur das mit sich spielen, was die Welt in den Angeln hält, in dem Komischen der Individualität aber wird eine Seele gespielt, die vergebens arbeitet, es zur Individualität und zur selbstständigen Einheit zu bringen. Daher siehst du den Geitzhals seine Individualität in dem Besitz suchen, den Ehrgeizigen in dem leeren Beyfalle der Menge; beyde aber werden dadurch zu komischen Charakteren, daß sie die Individualitát suchend die Einzelnheit, d. i. die Carikatur finden. Denn glaube ja nicht, daß die Natur selbst so thöricht sey, in dem Instinkte des Harpax oder des Eiteln auf den Gegenstand selbst Werth zu setzen; – beyde Charaktere sind nur Werkzeuge des individualisirenden Instinktes in ihnen, und da ihnen die Iudividualität von innen noch [275] abgeht, so suchen sie dieselbe in der einseitigen Richtung auf ein Aeußeres; sie suchen Charakter und werden Caritaturen. Die Art aber ihres Fehlgreifens ist determinirt theils durch ihre mehr oder minder edle natürliche Anlage, theils auch durch Richtung gebende Umstände.

Solches ist denn der Umfang der lyrischen Kunst, und wenn du etwa noch hinzusetzen wolltest, daß, wie die Kunst selbst ein klares Schauen der Welt sey, sie auch einzelne Blicke in die Welt werfe als Epigramme und Distichen, so würdest du richtig erinnert haben. Nur aber ermahne ich noch, daß, indem du die Kunst ein klares Schauen der Welt nennst, du nicht etwa ein idealisches Auflösen der Welt in dem rein Ideellen verstehest, wie es Plato erhaben philosophirend versucht hat. Wie der Dichter unendlich entfernt ist von der gemeinen Rohheit der Weltansicht, so vermeidet er auch durch das Gleichgewicht seiner edlen Natur jene Expansion, welche zuweilen erhaben, doch öfter auch hohl ist, immer aber als Extravaganz aus der Wahrheit und Schönheit herausfällt. Mit der strengen Haltung des Maßes und Gleichgewichts, welche du in dem Laufe der Gestirne bewunderst, lebt der Dichter sein herrliches Leben, gleich das Ideelle und Reelle ehrend, über beyden aber das Göttliche fühlend, und es darstellend in beyden. Gilt ihm zwar das Ideelle als lebendige Kraft, so erkennt er dafür in dem Reellen die Gestalt und Schönheit, die nur da vollendet hervorgeht, wo das Ideelle mit dem Reellen sich innigst vermählt hat.

Durch die Zerstörung dieses seligen Bundes hat die Zeit in die Kunst sowohl das Antike als das Moderne ge[276]bracht, und aus dem Schooße des Schönen die Philosophie ausgestoßen, daß sie als Wahrheit im Ideellen allein sey; dahingegen vor dem Antiken eine glückliche Menschheit von der Philosophie noch nichts ahndete, in ihrem Leben selbst ein vollendetes Kunstwerk darstellte, und um sich her das reine Abbild der Schönheit schaute, welches nachher im Antiken und Modernen die Geschlechter der Sterblichen floh. Jedes Verhängniß indeß und das Schicksal der Welt überhaupt ist wahrhaft episch, und einmal zur Versöhnung geneigt, welche die Wissenschaft hier selbst herbeyführen muß, indem sie nach gleicher Karikatur der Elemente, nämlich nach dem Idealismus und Realismus, eine Vernichtung beyder in der reinen Lebendigkeit des Absoluten erkennt, dann auch ein Bestehen beyder in der Erscheinung des Absoluten, oder dem Wissen und Seyn, so zwar, daß keines eines Vorrangs vor dem andern genieße, sondern beyde in dem gleichen Gehorsam erhalten werden, wie sie der Dichter hält und die Gottheit.

 

 

[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern bezeichneten Seiten]

[271] *) Wilhelm Meisters Lehrjahre 3r Band 7s Kap.   zurück

[272] *) Man denke hier nicht an romantische Poesie. Diese ist eine Veredlung des Romans durch den epischen Charakter des Mährchens.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Johann Jakob Wagner: System der Idealphilosophie.
Leipzig: Breitkopf und Härtel 1804, S. 271-276.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

PURL: https://hdl.handle.net/2027/nnc1.0040301494
PURL: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN495863718
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10044686
URL: https://books.google.fr/books?id=fVA-AAAAYAAJ
URL: https://archive.org/details/11421263bsb

 

 

 

Literatur

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