Text
Editionsbericht
Literatur
Unter allen behauptet die Dichtkunst (die fast
gänzlich dem Genie ihren Ursprung verdankt und am
wenigsten durch Vorschrift, oder durch Beyspiele geleitet
[213] seyn will) den obersten Rang. Sie erweitert das
Gemüth dadurch, daß sie die Einbildungskraft in Freyheit
setzt und innerhalb den Schranken eines gegebenen
Begrifs, unter der unbegrenzten Mannigfaltigkeit
möglicher damit zusammenstimmender Formen, diejenige
darbietet, welche die Darstellung desselben mit einer
Gedankenfülle verknüpft, der kein Sprachausdruck völlig
adäquat ist und sich also ästhetisch zu Ideen erhebt. Sie
stärkt das Gemüth, indem sie es sein freyes,
selbstthätiges und von der Naturbestimmung unabhängiges
Vermögen fühlen läßt, die Natur, als Erscheinung, nach
Ansichten zu betrachten und zu beurtheilen, die sie nicht
von selbst, weder für den Sinn noch den Verstand in
der Erfahrung darbietet und sie also zum Behuf und
gleichsam zum Schema des Uebersinnlichen zu gebrauchen.
Sie spielt mit dem Schein, den sie nach Belieben
bewirkt, ohne doch dadurch zu betrügen; denn sie erklärt
ihre Beschäftigung selbst für bloßes Spiel, welches
gleichwohl vom Verstande und zu dessen Geschäfte
zweckmäßig gebraucht werden kann. — Die Beredsamkeit,
so fern darunter die Kunst zu überreden, d. i. durch den
schönen Schein zu hintergehen (als ars oratoria) und nicht
bloße Wohlredenheit (Eloquenz und Styl) verstanden
wird, ist eine Dialectik, die von der Dichtkunst nur so
viel entlehnt, als nöthig ist, die Gemüther vor der
Beurtheilung für den Redner zu seinem Vortheil zu
gewinnen und diesen die Freyheit zu benehmen, kann also
[214] weder für die Gerichtsschranken, noch für die Canzeln
angerathen werden. Denn wenn es um bürgerliche
Gesetze, um das Recht einzelner Personen und um
dauerhafte Belehrung und Bestimmung der Gemüther zur
richtigen Kenntnis und gewissenhaften Beobachtung
ihrer Pflicht, zu thun ist, so ist es unter der Würde eines
so wichtigen Geschäftes, auch nur eine Spuhr von
Ueppigkeit des Witzes und der Einbildungskraft, noch mehr
aber von der Kunst zu überreden und zu seinem Vortheil
einzunehmen, blicken zu lassen, welche, wenn sie gleich
bisweilen zu an sich rechtmäßigen und lobenswürdigen
Absichten angewandt werden kann, doch dadurch
verwerflich wird, daß auf diese Art die Maximen und
Gesinnungen subjectiv verderbt werden, wenn gleich die
That objectiv gesetzmäßig ist; indem es nicht genug ist
das, was Recht ist, zu thun, sondern dieses auch aus
dem Grunde, weil es allein Recht ist, auszuüben. Auch
hat der bloße deutliche Begrif dieser Arten von
menschlicher Angelegenheit, mit einer lebhaften Darstellung in
Beyspielen verbunden und ohne Verstos wieder die
Regeln des Wohllauts der Sprache, oder der
Wohlanständigkeit des Ausdrucks, für Ideen der Vernunft
(die zusammen die Wohlredenheit ausmachen) schon für sich
hinreichenden Einflus auf menschliche Gemüther, ohne
daß es nöthig wäre noch die Maschinen der Ueberredung
hiebey anzulegen, welche, da sie eben so wohl auch zur
Beschönigung oder Verdeckung des Lasters und
Jrr[215]thums gebraucht werden können, den geheimen Verdacht
wegen einer künstlichen Ueberlistung nicht ganz vertilgen
können. In der Dichtkunst geht alles ehrlich und
aufrichtig zu. Sie erklärt sich: ein bloßes unterhaltendes
Spiel mit der Einbildungskraft und zwar der Form
nach, einstimmig mit Verstandesgesetzen treiben zu
wollen und verlangt nicht den Verstand durch sinnliche
Dartellung zu überschleichen und zu verstricken.
*
[Fußnote, S. 215]
*) Ich muß gestehen: daß ein schönes Gedicht mir immer ein
reines Vergnügen gemacht hat, anstatt daß die Lesung der
besten Rede eines römischen Volks- oder jetzigen
Parlements- oder Canzelredners jederzeit mit dem
unangenehmen Gefühl der Misbilligung einer hinterlistigen Kunst
vermengt war, die die Menschen als Maschinen in
wichtigen Dingen zu einem Urtheile zu bewegen versteht, welches
im ruhigen Nachdenken alles Gewicht bey ihnen verlieren
muß. Beredheit und Wohlredenheit (zusammen Rhetorick)
gehören zur schönen Kunst; aber Rednerkunst (ars oratoria)
ist, als Kunst sich der Schwächen der Menschen zu seinen
Absichten zu bedienen (diese mögen immer so gut gemeynt,
oder auch wirklich gut seyn, als sie wollen) gar keiner
Achtung würdig. Auch erhob sie sich nur, so wohl in Athen
als in Rom, zur höchsten Stufe zu einer Zeit, da der Staat
seinem Verderben zu eilte und wahre patriotische
Denkungsart erloschen war. Wer bey klarer Einsicht in Sachen die
Sprache nach ihrem Reichthum und Reinigkeit in seiner
Gewalt hat und, bey einer fruchtbaren zur Darstellung
seiner Ideen tüchtigen Einbildungskraft lebhaften
Herzensantheil am wahren Guten nimmt, ist der vir bonus dicendi
peritus, der Redner ohne Kunst, aber voll Nachdruck, wie
ihn Cicero haben will, ohne doch diesem Ideal selbst immer
treu geblieben zu seyn.
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Erstdruck und Druckvorlage
Immanuel Kant: Critik der Urtheilskraft.
Berlin u. Libau: Lagarde u. Friederich 1790, S. 212-215.
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
URL: https://www.deutschestextarchiv.de/kant_urtheilskraft_1790
URL: https://books.google.fr/books?id=4LsIAAAAQAAJ
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Lyriktheorie » R. Brandmeyer