Immanuel Kant

 

 

Critik der Urtheilskraft

§. 53.   Vergleichung des ästhetischen Werths der schönen Künste untereinander.

[Auszug]

 

Text
Editionsbericht
Literatur

 

Unter allen behauptet die Dichtkunst (die fast gänzlich dem Genie ihren Ursprung verdankt und am wenigsten durch Vorschrift, oder durch Beyspiele geleitet [213] seyn will) den obersten Rang. Sie erweitert das Gemüth dadurch, daß sie die Einbildungskraft in Freyheit setzt und innerhalb den Schranken eines gegebenen Begrifs, unter der unbegrenzten Mannigfaltigkeit möglicher damit zusammenstimmender Formen, diejenige darbietet, welche die Darstellung desselben mit einer Gedankenfülle verknüpft, der kein Sprachausdruck völlig adäquat ist und sich also ästhetisch zu Ideen erhebt. Sie stärkt das Gemüth, indem sie es sein freyes, selbstthätiges und von der Naturbestimmung unabhängiges Vermögen fühlen läßt, die Natur, als Erscheinung, nach Ansichten zu betrachten und zu beurtheilen, die sie nicht von selbst, weder für den Sinn noch den Verstand in der Erfahrung darbietet und sie also zum Behuf und gleichsam zum Schema des Uebersinnlichen zu gebrauchen. Sie spielt mit dem Schein, den sie nach Belieben bewirkt, ohne doch dadurch zu betrügen; denn sie erklärt ihre Beschäftigung selbst für bloßes Spiel, welches gleichwohl vom Verstande und zu dessen Geschäfte zweckmäßig gebraucht werden kann. — Die Beredsamkeit, so fern darunter die Kunst zu überreden, d. i. durch den schönen Schein zu hintergehen (als ars oratoria) und nicht bloße Wohlredenheit (Eloquenz und Styl) verstanden wird, ist eine Dialectik, die von der Dichtkunst nur so viel entlehnt, als nöthig ist, die Gemüther vor der Beurtheilung für den Redner zu seinem Vortheil zu gewinnen und diesen die Freyheit zu benehmen, kann also [214] weder für die Gerichtsschranken, noch für die Canzeln angerathen werden. Denn wenn es um bürgerliche Gesetze, um das Recht einzelner Personen und um dauerhafte Belehrung und Bestimmung der Gemüther zur richtigen Kenntnis und gewissenhaften Beobachtung ihrer Pflicht, zu thun ist, so ist es unter der Würde eines so wichtigen Geschäftes, auch nur eine Spuhr von Ueppigkeit des Witzes und der Einbildungskraft, noch mehr aber von der Kunst zu überreden und zu seinem Vortheil einzunehmen, blicken zu lassen, welche, wenn sie gleich bisweilen zu an sich rechtmäßigen und lobenswürdigen Absichten angewandt werden kann, doch dadurch verwerflich wird, daß auf diese Art die Maximen und Gesinnungen subjectiv verderbt werden, wenn gleich die That objectiv gesetzmäßig ist; indem es nicht genug ist das, was Recht ist, zu thun, sondern dieses auch aus dem Grunde, weil es allein Recht ist, auszuüben. Auch hat der bloße deutliche Begrif dieser Arten von menschlicher Angelegenheit, mit einer lebhaften Darstellung in Beyspielen verbunden und ohne Verstos wieder die Regeln des Wohllauts der Sprache, oder der Wohlanständigkeit des Ausdrucks, für Ideen der Vernunft (die zusammen die Wohlredenheit ausmachen) schon für sich hinreichenden Einflus auf menschliche Gemüther, ohne daß es nöthig wäre noch die Maschinen der Ueberredung hiebey anzulegen, welche, da sie eben so wohl auch zur Beschönigung oder Verdeckung des Lasters und Jrr[215]thums gebraucht werden können, den geheimen Verdacht wegen einer künstlichen Ueberlistung nicht ganz vertilgen können. In der Dichtkunst geht alles ehrlich und aufrichtig zu. Sie erklärt sich: ein bloßes unterhaltendes Spiel mit der Einbildungskraft und zwar der Form nach, einstimmig mit Verstandesgesetzen treiben zu wollen und verlangt nicht den Verstand durch sinnliche Dartellung zu überschleichen und zu verstricken. *

 

 

[Fußnote, S. 215]

*) Ich muß gestehen: daß ein schönes Gedicht mir immer ein reines Vergnügen gemacht hat, anstatt daß die Lesung der besten Rede eines römischen Volks- oder jetzigen Parlements- oder Canzelredners jederzeit mit dem unangenehmen Gefühl der Misbilligung einer hinterlistigen Kunst vermengt war, die die Menschen als Maschinen in wichtigen Dingen zu einem Urtheile zu bewegen versteht, welches im ruhigen Nachdenken alles Gewicht bey ihnen verlieren muß. Beredheit und Wohlredenheit (zusammen Rhetorick) gehören zur schönen Kunst; aber Rednerkunst (ars oratoria) ist, als Kunst sich der Schwächen der Menschen zu seinen Absichten zu bedienen (diese mögen immer so gut gemeynt, oder auch wirklich gut seyn, als sie wollen) gar keiner Achtung würdig. Auch erhob sie sich nur, so wohl in Athen als in Rom, zur höchsten Stufe zu einer Zeit, da der Staat seinem Verderben zu eilte und wahre patriotische Denkungsart erloschen war. Wer bey klarer Einsicht in Sachen die Sprache nach ihrem Reichthum und Reinigkeit in seiner Gewalt hat und, bey einer fruchtbaren zur Darstellung seiner Ideen tüchtigen Einbildungskraft lebhaften Herzensantheil am wahren Guten nimmt, ist der vir bonus dicendi peritus, der Redner ohne Kunst, aber voll Nachdruck, wie ihn Cicero haben will, ohne doch diesem Ideal selbst immer treu geblieben zu seyn.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Immanuel Kant: Critik der Urtheilskraft.
Berlin u. Libau: Lagarde u. Friederich 1790, S. 212-215.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

URL: https://www.deutschestextarchiv.de/kant_urtheilskraft_1790
URL: https://books.google.fr/books?id=4LsIAAAAQAAJ

 

 

 

Literatur

Allerkamp, Andrea / Schmidt, Sarah (Hrsg.): Handbuch Literatur & Philosophie. Berlin u. Boston 2021.

Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. 2. Aufl. Stuttgart 2016, S. 2-15.

Brodsky, Claudia (Hrsg.): Kant and Literary Studies. Cambridge u.a. 2025.

Class, Monika: Coleridge and Kantian Ideas in England, 1796-1817. Coleridge's Responses to German Philosophy. London u.a. 2012.

Clewis, Robert R.: The Origins of Kant's Aesthetics. Cambridge u.a. 2023.

Décultot, Élisabeth: "Eher schädlich als nützlich"? Zur französischen Debatte über die deutsche Ästhetik, 1750-1850. In: Ästhetische Kommunikation in Europa 1700-1850 = Aesthetic Communication in Europe 1700-1850. Hrsg. von Gergely Fórizs u.a. Berlin u. Boston 2025, S. 81-102.

Gaier, Ulrich: Die kopernikanische Wendung der Rhetorik. In: Herders Rhetoriken im Kontext des 18. Jahrhunderts. Hrsg. von Ralf Simon. Heidelberg 2014, S. 81-92.

Grimm, Sieglinde: Dichtarten und Wissenssystematik. Zum Einfluß der nachkantischen Organisation des Wissens auf die poetologische Gattungsdebatte bei Novalis und Friedrich Schlegel. In: Euphorion 94 (2000), S. 149-171.

Helfer, Martha B.: The Retreat of Representation. The Concept of Darstellung in German Critical Discourse. Albany, NY 1996.

Höffe, Otfried (Hrsg.): Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft. 3. Aufl. Berlin 2024.

Jäger, Ludwig: Ästhetik und Semiologie. Die Emanzipation des "Aisthetischen" in den Zeichenideen Kants, Humboldts und Hegels. In: Poetica 49.3-4 (2017/18), S. 233-255.

Marino, Stefano / Terzi, Pietro (Hrsg.): Kant's' "Critique of Aesthetic Judgment' in the Twentieth Century. A Companion to its Main Intepretations. Berlin 2021.

Rodriguez, Antonio (Hrsg.): Dictionnaire du lyrique. Poésie, arts, médias. Paris 2024.

Rohden, Valerio: The Meaning of the Term Gemüt in Kant. In: Kant in Brazil. Hrsg. von Frederick Rauscher u. Daniel Omar Perez. Rochester, NY 2012 (= North American Kant Society Studies in Philosophy, 10), S. 283-294.

Rössler, Reto: Form-/Verfahren. Kosmologie und Lehrgedicht in der Aufklärung (Sucro - Kant - Kästner). In: Literarische Form. Theorien - Dynamiken - Kulturen. Beiträge zur literarischen Modellforschung = Literary Form. Theories - Dynamics - Cultures. Perspectives on Literary Modelling. Hrsg. von Robert M. Erdbeer u.a. Heidelberg 2018, S. 399-428.

Schmidt, Michael: Die Ästhetik Karl Leonhard Reinholds. Transzendentalphilosophische Geschmackskritik vor Kant. Berlin 2024.

Siegmund, Judith (Hrsg.): Handbuch Kunstphilosophie. Bielefeld 2022.

Silva, Fernando M. F. / Dörflinger, Bernd (Hrsg.): Kant on Poetry. Kant über Poesie. Baden-Baden 2023.

Spalinger, Roland: Der gute Mensch. Epistemologie und Rhetorik im 18. Jahrhundert. Baumgarten - Sulzer - Kant. Göttingen 2025.

Trappen, Stefan: Gattungspoetik. Studien zur Poetik des 16. bis 19. Jahrhunderts und zur Geschichte der triadischen Gattungslehre. Heidelberg 2001 (= Beihefte zum Euphorion, 40).

Uhlig, Stefan H.: Rhetoric, Poetics, and Literary Historiography. The Formation of a Discipline at the Turn of the Nineteenth Century. Philadelphia 2024.
S. 177-185: The Kantian Censure.

Zymner, Rüdiger (Hrsg.): Handbuch Gattungstheorie. Stuttgart u. Weimar 2010.

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer