Max Nordau

 

Entartung

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Werkverzeichnis
Literatur: Nordau
Literatur: Dekadenz

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Texte zur Baudelaire-Rezeption
Texte zur Verlaine-Rezeption
Texte zur Mallarmé-Rezeption
Texte zur Theorie und Rezeption des Symbolismus

 

Der Symbolismus will aber nicht blos eine Rückkehr zum Glauben, sondern auch eine neue Theorie der Kunst und Dichtung sein, wir haben also auch diese Seite seines Wesens zu prüfen.

Wenn wir zunächst wissen wollen, was die Symbolisten sich unter einem Symbol und unter Symbolismus denken, so werden wir denselben Schwierigkeiten begegnen wie bei der Ergründung des eigentlichen Sinnes der Bezeichnung Präraphaelismus, und zwar aus derselben Ursache: weil die Erfinder dieser Benennungen sich dabei eben hundert verschiedene, einander widersprechende, undeutliche Dinge oder auch einfach gar nichts dachten. Ein kluger und gewandter Tagesschriftsteller, Jules Huret, hat eine Umfrage über die neue Literatur-Bewegung in Frankreich veranstaltet 1) und von deren Häuptern Auskünfte erlangt, die uns eine zuverlässige Kenntniß des Sinnes verschaffen, den sie selbst mit den Ausdrücken und Redensarten ihres Schul-Programmes verbinden oder zu verbinden vorgeben. Ich will hier einige dieser Äußerungen und Erklärungen anführen. Was Symbolismus ist, werden sie uns allerdings nicht lehren. Wohl aber werden sie uns einen Einblick in die Denkweise der Symbolisten gewähren.

Stéphane Mallarmé, der von den Jüngern am wenigsten bestrittene Führer der symbolistischen Schaar, läßt sich folgender[183]maßen aus: "Einen Gegenstand nennen heißt drei Viertel des Genusses an einem Gedichte unterdrücken, der aus dem Glücke besteht, nach und nach zu errathen. Den Gegenstand suggeriren, das ist der Traum. Die vollkommene Anwendung dieses Geheimmisses bildet das Symbol: allmälig einen Gegenstand heraufbeschwören, um einen Seelenzustand zu zeigen, oder, umgekehrt, einen Gegenstand wählen und aus ihm durch eine Reihe von Entzifferungen einen Seelenzustand herausschälen."

Wenn der Leser diese Verknüpfung dunkler Worte nicht gleich versteht, so möge er sich bei ihrer Enträthselung nicht aufhalten. Ich werde weiterhin das Gestammel dieses Schwachsinnigen in die verständliche Sprache gesunder Menschen übersetzen.

Verlaine, ein anderer Hoherpriester der Sekte, läßt sich so vernehmen: "Ich war es, der im Jahre 1885 den Namen Symbolisten für uns in Anspruch nahm... Den Parnassiern und meisten Romantikern fehlte es in gewissem Sinn an Symbolen... Daher der Irrthum der örtlichen Farbe in der Geschichte, der Mythus durch eine falsche philologische Deutung verschrumpft, der Gedanke ohne die Wahrnehmung der Gleichnisse, das Gefühl aus der Anekdote geschöpft."

Hören wir einige Dichter zweiten Ranges der Gruppe. "Ich erkläre die Kunst", sagt Paul Adam, "als die Eintragung eines Dogmas in ein Symbol. Sie ist ein Mittel, um einem System zur Herrschaft zu verhelfen und Wahrheiten ans Tageslicht zu bringen." Remy de Gourmont bekennt ehrlich: "Ich kann Ihnen die geheime Bedeutung des Wortes Symbolismus nicht enthüllen, denn ich bin weder Theoretiker noch Zauberer", und Saint-Pol-Roux warnt tiefsinnig: "Man nehme sich in Acht. Der übertriebene Symbolismus führt zum Nabelthum (nombrilisme) und zum seuchenhaften Mechanismus... Dieser Symbolismus ist einigermaßen eine Verzerrung des Mystizismus... Der ausschließliche Sym[184]bolismus ist in unserm bemerkenswerthen Jahrhundert der kampffreudigen Thätigkeit anormal. Betrachten wir diese Uebergangs-Kunst als einen dem Naturalismus angethanen geistreichen Schabernack und als einen Vorläufer der Dichtung von morgen."

Von den Theoretikern und Philosophen der Gruppe dürfen wir erschöpfendere Auskunft über ihre Wege und Ziele erwarten. Charles Morice belehrt uns in der That: "Das Symbol ist die Mischung der Gegenstände, die unsere Gefühle erweckt haben, und unserer Seele in einer Erdichtung (fiction) Das Mittel ist die Suggestion; es handelt sich darum, den Leuten die Erinnerung an etwas zu geben, was sie nie gesehen haben." Und Gustav Kahn sagt: "Die symbolische Kunst besteht darin, in eine Folge von Werken möglichst vollständig alle geistigen Aenderungen und Wandlungen eines Dichters einzutragen, der von einem Ziel begeistert ist, das er zu bestimmen hat."

Es haben sich in Deutschland bereits einige Schwach- und Blödsinnige, einige Hysteriker und Graphomanen gefunden, die behaupten, daß sie dieses Gefasel verstehen, und es in Vorträgen, Zeitungs-Aufsätzen und Büchern weiter entwickeln. Der deutsche Bildungs-Philister, dem von jeher die Verachtung der Plattheit, das heißt des gesunden Menschenverstandes, und die Bewunderung des "Tiefsinns", das heißt in der Regel des ohnmächtigen Brodelns denkunfähiger Schleim- und Gallert-Gehirne, gepredigt worden ist, wird sichtlich ängstlich und fängt an, sich zu fragen, ob hinter diesen gänzlich sinnlosen Wortfolgen nicht vielleicht doch etwas stecke. In Frankreich ist man den armen Thoren und kaltblütigen Schalken nicht auf den Leim gegangen, sondern hat den Symbolismus als das erkannt, was er ist, als Wahnsinn oder Schwindel. Wir werden diese Worte im Munde berufener Vertreter aller schriftstellerischen Richtungen antreffen.

[185] "Die Symbolisten!" ruft Jules Lemaître; "das gibt es ja gar nicht. Sie wissen selbst nicht, was sie sind und was sie wollen. Etwas ist da, unter der Erde, was sich bewegt, was wimmelt, aber nicht durchbrechen kann. Verstehen Sie? Wenn sie mühselig etwas hervorgebracht haben, so möchten sie Formeln und Theorien darum bauen, es gelingt ihnen aber nicht, da sie die dazu nöthige Geistesstärke nicht besitzen... Sie sind Spaßmacher, mit einem Theil Aufrichtigkeit, das gebe ich zu, aber Spaßmacher." Josephin Péladan bezeichnet sie als "wunderliche Feuerwerker der Metrik und des Wörterbuchs, die sich zusammenthun, um durchzudringen, und sich seltsame Namen geben, um bekannt zu werden." Jules Bois ist viel kräftiger. "Unzusammenhängende Bewegungen, gestammeltes Gebrüll – das sind die Symbolisten. Katzenmusik von Wilden, die in einer englischen Grammatik und in einer Sammlung alter Wörter außer Gebrauch geblättert hätten. Wenn sie jemals etwas gewußt haben, so heucheln sie, es vergessen zu haben. Verschwommen, fehlerhaft, dunkel, sind sie dennoch ernst wie Auguren... Sie betrügen uns mit einer abrakadabrirenden und kindischen Syntaxis." Verlaine selbst, der Mit-Erfinder des Symbolismus, nennt in einem Augenblicke der Aufrichtigkeit seine Nachbeter "Plattfüße, jeder mit seiner eigenen Fahne, auf der das Wort 'Reklame' steht." Henri de Régnier meint entschuldigend: "Sie empfinden das Bedürfniß, sich um ein gemeinsames Banner zu schaaren, um zusammen wirksamer gegen die Zufriedenen kämpfen zu können." Zola spricht von ihnen als "von einer Bande Haifische, die, da sie uns nicht verschlingen können, sich untereinander auffressen." Joseph Caraguel bezeichnet das symbolistische Schriftthum als "ein Schriftthum des Kindergeplärrs, des Lallens, der Leere im Gehirn, ein Schriftthum von vor den sudanesischen Griots (Sängern)." Edmund Haraucourt erkennt klar die Ziele der Symbolisten. "Sie sind Unzufriedene [186] und Leute, die es eilig haben. Sie sind die Boulangisten des Schriftthums. Man muß leben! Man will einen Platz einnehmen, bekannt, angesehen sein. Man schlägt auf die Tromnel los, die nicht einmal eine Pauke ist... Ihr wahres Symbol ist: Eilgut. Jeder nimmt den Schnellzug. Bestimmungsort: Ruhm." Pierre Quillard glaubt, daß man in die Benennung Symbolisten willkürlich "Dichter von wirklicher Begabung und reine Dummköpfe" eingeschlossen hat, und Gabriel Vicaire sieht in den Verkündigungen der Symbolisten "bloße Schuljungen-Späßchen." Laurent Tailhade endlich, ein Hauptsymbolist, plaudert das Geheimniß aus: "Ich habe diesem Spiele niemals einen andern Werth beigelegt als den einer flüchtigen Unterhaltung. Wir foppten den leichtgläubigen Verstand einiger schriftstellerischer Anfänger mit dem Scherz der farbigen Selbstlaute, der thebanischen Liebe, des Schopenhauerismus und anderen Schwänken, die seitdem ihren Weg in der Welt gemacht haben." Allerdings: wie gesagt, selbst in Deutschland.

Schimpfen heißt indeß nicht erklären und wenn bewußten Schwindlern gegenüber, die nach Zahnbrecherart den wilden Mann spielen, um den Marktleuten Geld auszulocken, die schärfste Abfertigung angebracht ist, so ist aufrichtigen Schwachköpfen gegenüber Aerger und Spott nicht am Platze. Sie sind Kranke oder Krüppel und verdienen als solche nur Mitleid. Ihr Gebrechen muß man allerdings aufdecken, aber harte Behandlung ist seit Pinel auch in den Irrenhäusern aufgegeben.

Die Symbolisten, so weit sie ehrliche Entartete und Schwachsinnige sind, können nur mystisch, das heißt verschwommen denken. Das Unbewußte ist in ihnen stärker als das Bewußte, die Thätigkeit der Organ-Nerven überwiegt die der grauen Hirnrinde, ihre Emotionen beherrschen ihre Vorstellungen. Wenn Menschen dieser Art dichterischen und künstlerischen Drang haben, so wollen sie naturgemäß ihren eigenen [187] Geisteszustand ausdrücken. Bestimmte Worte mit klarem Vorstellungs-Inhalte können sie nicht brauchen. Denn in ihrem eigenen Bewußtsein finden sie keine deutlich umrissenen, eindeutigen Vorstellungen, die in solche Worte gefaßt werden könnten. Sie wählen deshalb verschwommene, vieldeutige Worte, weil diese ihren vieldeutigen, verschwommenen Vorstellungen am besten entsprechen. Je undeutlicher, je dunkler ein Wort ist, umso besser eignet es sich zu den Zwecken des Schwachsinnigen und beim Wahnsinnigen geht dies bekanntlich so weit, daß er für seine gänzlich formlos gewordene Vorstellung neue Worte erfindet, die nicht mehr blos dunkel, sondern jedes Sinnes bar sind. Wir haben schon gesehen, daß für die typischen Entarteten die Wirklichkeit keine Bedeutung hat. Ich erinnere nur an die früher angeführten Aeußerungen D. G. Rossettis, Morices u. s. w. über diesen Punkt. Die klare Rede dient dem Zwecke der Mittheilung von Wirklichem. Sie hat deshalb für den Entarteten keinen Werth. Er schätzt nur die Rede, bei der er nicht dem Denken des Sprechenden aufmerksam folgen muß, sondern ohne Zwang seinem eigenen schweifenden Traum-Denken nachhängen kann, wie ja seine eigene Rede auch nicht den Zweck hat, bestimmtes Denken mitzutheilen, sondern nur der blasse Widerschein seines Gedanken-Dämmers sein soll. Das ist es, was Mallarmé meint, wenn er sagt: "Einen Gegenstand nennen heißt, drei Viertel des Genusses unterdrücken... Den Gegenstand suggeriren, das ist der Traum."

Das Denken eines gesunden Gehirns hat ferner einen von den Gesetzen der Logik und der Ueberwachung der Aufmerksamkeit geregelten Verlauf. Es nimmt einen bestimmten Gegenstand zum Inhalt, verarbeitet und erschöpft ihn. Der gesunde Mensch kann erzählen, was er denkt, und seine Erzählung hat einen Anfang und ein Ende. Der mystische Schwachsinnige aber denkt blos nach den Gesetzen der Ideen-Assoziation, ohne Aufmerksamkeit auf einen rothen Faden. Er hat Ge[188]dankenflucht. Er kann nie genau angeben, woran er denkt, er kann nur die Emotion bezeichnen, die eben sein Bewußtsein beherrscht. Er kann nur im Allgemeinen sagen: "Ich bin traurig," "ich bin lustig", "ich bin zärtlich," "ich habe Angst." Sein Denken ist von fliehenden und schwimmenden Wolken-Vorstellungen erfüllt, die von der herrschenden Emotion ihre Färbung erhalten, wie der über einem Krater stehende Qualm von der Glut am Grunde des vulkanischen Kessels roth angeflammt ist. Wenn er dichtet, wird er also niemals eine logische Gedankenfolge entwickeln, sondern mit dunkeln Worten von bestimmter emotioneller Färbung eine Emotion, eine "Stimmung" darzustellen suchen. Er schätzt an Dichtwerken auch nicht eine deutliche Geschichte, den Vortrag eines bestimmten Gedankens, sondern nur das Spiegelbild einer Stimmung, die auch in ihm eine solche, und nicht einmal nothwendigerweise dieselbe, erweckt. Die Entarteten fühlen sehr gut diesen Unterschied zwischen einem Werke, das kräftige Denkarbeit ausdrückt, und einem solchen, in welchem blos emotionell gefärbte Gedankenflucht wallt und wogt, und sie suchen triebhaft nach einem unterscheidenden Ausdrucke für die Dichtungsart, für die allein sie Verständniß besitzen. Sie haben nun in Frankreich das Wort Symbolismus für sie gefunden. So unsinnig die Erklärungen scheinen, welche die Symbolisten selbst für ihr Schlagwort geben, der Psycholog hört doch aus ihrem Lallen und Stammeln deutlich heraus, daß sie unter einem "Symbol" ein Wort oder eine Wortfolge verstehen, die nicht eine Thatsache der Außenwelt oder des bewußten Denkens, sondern eine vieldeutige Dämmer-Vorstellung ausdrückt, die den Leser nicht zum Denken zwingt, sondern ihm zu träumen gestattet, also keine Denkvorgänge, sondern Stimmungen vermittelt.

Der große Dichter der Symbolisten, ihr bewundertes Vorbild, von dem sie nach ihrer einstimmigen Aussage die stärkste Anregung empfangen haben, ist Paul Verlaine. In diesem [189] Manne finden wir erstaunlich vollständig alle leiblichen und geistigen Brandmarken der Entartung vereinigt und auf keinen mir bekannten Schriftsteller passen die Beschreibungen, welche die Kliniker vom Degenerirten geben, Zug um Zug so genau wie auf ihn, seine körperliche Erscheinung, seine Lebensgeschichte, sein Denken, den Inhalt seiner Vorstellungswelt und seine Ausdrucksweise. Jules Huret 1) gibt von seinem Aeußern folgende Beschreibung: "Sein Kopf eines gealterten bösen Engels mit dem ungepflegten dünnen Barte und der plötzlichen (?) Nase, seine buschigen und gesträubten, grannigen Aehren ähnlichen Augenbrauen, die einen grünen und tiefen Blick decken, sein ungeheurer und langer, gänzlich kahler, von räthselhaften Beulen mißhandelter Schädel geben dieser Miene den gegensätzlichen Anschein eines verstockten Aszetismus und zyklopischer Begierden." Wie selbst aus diesen lächerlich gesuchten und theilweise ganz unsinnigen Ausdrücken hervorgeht, ist auch dem völlig laienhaften Beobachter die Unregelmäßigkeit der Schädelbildung Verlaines, das, was Huret die "räthselhaften Beulen" nennt, aufgefallen. Wenn man das Bildniß des Dichters von Eugen Carrière, von dem ein Lichtbild den "Ausgewählten Dichtungen" Verlaines 2) vorgeheftet ist, namentlich aber dasjenige von Aman-Jean, das 1892 im Pariser Marsfeld-Salon ausgestellt war, betrachtet, so bemerkt man auf den ersten Blick die starke Unebenmäßigkeit des Schädels, die Lombroso 3) bei den Entarteten nachgewiesen hat, und die durch hervorstehende Backenknochen, schief gestellte Augen und dünnen Bart gekennzeichnete mongolische Physiognomie, die derselbe Forscher 4) als ein Degenerations-Merkmal anspricht.

Verlaines Leben ist in Geheimniß gehüllt, doch weiß [190] man aus seinen eigenen Bekenntnissen, daß er zwei Jahre in einem Gefängnisse zugebracht hat. In dem Gedichte: "Ecrit en 1875 1)" erzählt er ausführlich und nicht nur ohne jede Beschämung, sondern fröhlich unbefangen, ja sogar ruhmredig wie ein richtiger Berufsverbrecher: "Ich habe unlängst das beste Schloß bewohnt, in feinster Landschaft mit fließendem Wasser und Hügeln. Vier Thürme erhoben sich am Ende ebenso vieler Flügel und einen von ihnen habe ich lange, lange bewohnt... Ein sorgfältig verschlossenes Zimmer, ein Tisch, ein Stuhl, ein knappes Bett, wo man eben noch Raum zum Schlafen hatte, das war mein Los während der langen Monate, die ich da zugebracht habe... Ich war glücklich mit diesem Leben, dankbar für Güter, um die mich gewiß Niemand beneidet." Und in dem Gedichte "Un conte" heißt es: "Dieser große Sünder hatte einen Lebenswandel, der so verrück war, daß er zu ungeschickt wurde, so daß die Gerichte sich mit ihm zu beschäftigen hatten und was sonst noch die Folgen zu sein pflegen. Können Sie sich ihn nun im engsten aller Kasten denken? Zellen! Menschenfreundliche Gefängnisse! Man muß sein schales (fadasse!) Grauen und diesen Fortschritt der Heuchelei verschweigen. Es ist bekannt geworden, daß seine Verurtheilung wegen eines Sittlichkeits-Verbrechens erfolgte, und das kann nicht überraschen, denn der besondere Charakter seiner Entartung ist eine toll brünstige Erotik. Er denkt beständig an Unzucht und seinen Geist füllen fortwährend Bilder der Geilheit. Ich habe nicht den Wunsch, hier Stellen anzuführen, in denen der ekelhafte Seelenzustand dieses unglückseligen Sklaven seiner krankhaft erregten Sinne ausgedrückt ist, doch sei der Leser, der die Belegstellen kennen zu lernen wünscht, etwa auf die Gedichte "Les coquillages", "Fille" und "Auburn" 2)verwiesen.

[191] Geschlechtliche Ausschweifung ist nicht sein einziges Laster. Er ist auch ein Säufer und zwar, wie bei einem Entarteten zu erwarten, ein paroxystischer Säufer, der, aus dem Rausche erwacht, von tiefem Abscheu vor dem alkoholischen Gifte und vor sich selbst ergriffen ist, von "les breuvages exécrés" spricht ("La bonne chanson"), aber bei der nächsten Gelegenheit wieder der Versuchung erliegt.

Moralischer Irrsinn ist bei Verlaine indeß nicht vorhanden. Er sündigt aus unwiderstehlichem Antriebe. Er ist ein "Impulsiver". Was diese beiden Formen der Entartung unterscheidet, das ist, daß der moralisch Irrsinnige seine Verbrechen nicht für etwas Schlechtes hält, sie mit derselben Gemüthsruhe begeht, mit der ein gesunder Mensch gleichgiltige oder tugendhafte Handlungen vollbringt, und nach ihrer Verübung mit sich ganz zufrieden ist, während der Impulsive das volle Bewußtsein der Verworfenheit seines Thuns bewahrt, verzweifelt gegen seinen Trieb ankämpft, bis er nicht mehr widerstehen kann, und nach der That die schrecklichste Verzweiflung und Reue empfindet. Nur ein "Impulsiver" spricht von sich selbst vorwurfsvoll als von dem "einen Verworfenen" ("un seul Pervers;" "Sagesse") oder findet die zerknirschten Töne, die Verlaine in den ersten vier Sonnetten von "Sagesse" anschlägt: "Harte Menschen! Scheußliches, häßliches Leben hienieden! Ach, wenn doch, fern von den Küssen und Kämpfen, noch etwas auf dem Berge übrig bliebe, etwas vom kindlichen, zarten Herzen, etwas Güte und Ehrerbietigkeit! Denn was begleitet uns und wahrlich, wenn der Tod kommt, was bleibt?" "Schließe die Augen, meine arme Seele, gehe sofort nach Hause. Eine der schlimmsten Versuchungen naht. Fliehe die Niederträchtige... Wenn die alte Tollheit noch immer unterwegs wäre? Diese Erinnerungen! Wird man sie nochmals tödten müssen? Ein wüthender Ansturm, der äußerste ohne Zweifel! O geh beten gegen das Ungewitter, geh beten." [192] "Mein Herz in der Noth müßte nach dem ungeheuern und zarten Mittelalter segeln, fern von unseren Tagen der fleischlichen Gesinnung und des traurigen Fleisches... Dort möchte ich einen Antheil an der lebenswichtigen Sache haben, ein Heiliger sein, mit guten Handlungen und rechtschaffenem Denken, hoher Gottesgelahrtheit und fester Sittlichkeit, blos vom einzigen Wahnsinn des Kreuzes auf deinen steinernen Flügeln, o wahnsinnige Kathedrale, emporgetragen."

Wie diese Probe zeigt, fehlt auch bei Verlaine die gewöhnliche Begleiterin der krankhaft gesteigerten Erotik, die Glaubensschwärmerei, nicht. Diese findet übrigens in manchen anderen Gedichten einen noch viel bestimmtern Ausdruck. Ich möchte nur aus zweien 1) bezeichnende Strophen anführen: "O mein Gott!" ruft der Dichter, "du hast mich mit Liebe verwundet und die Wunde ist noch bebend; o mein Gott, du hast mich mit Liebe verwundet. O mein Gott, deine Furcht hat mich getroffen und das Brandmal ist noch da und donnert," (man beachte die Ausdrucksweise und die beständigen Wiederholungen), "o mein Gott, deine Furcht hat mich getroffen. O mein Gott, ich habe erkannt, daß Alles erbärmlich ist, und dein Ruhm hat sich in mir niedergelassen. O mein Gott, ich habe erkannt, daß Alles erbärmlich ist. Ersäufe meine Seele in der Flut deines Weines, schmilz mein Leben ins Brod deines Tisches, ersäufe meine Seele in der Flut deines Weines. Nimm hier mein Blut, das ich nicht vergossen habe, nimm hier mein Fleisch, das unwürdig ist, zu leiden, nimm hier mein Blut das ich nicht vergossen habe." Folgt die verzückte Aufzählung aller Körpertheile, die er Gott als Opfer darbietet, dann schließt das Gedicht: "Du kennst das Alles, das Alles, und weißt, daß ich ärmer bin als irgend Jemand, du kennst das Alles, das Alles. Aber was ich habe, mein Gott, das gebe ich dir." An die heilige Jungfrau wendet er sich mit diesen [193] Anrufungen: "Ich will nur noch meine Mutter Maria lieben. Jede andere Liebe ist auf Befehl, nothwendig, wie sie ist, kann meine Mutter allein sie in den Herzen, die sie angebetet haben, entzünden. Für sie muß ich meine Feinde zärtlich lieben, durch sie habe ich dieses Opfer gelobt und die Milde des Herzens und den Eifer im Dienste. Da ich sie nflehte, hat sie es gestattet. Und da ich schwach war und noch sehr böse, mit feigen Händen und Augen von Landstraßen geblendet, senkte sie mir die Augen und faltete mir die Hände und lehrte mich die Worte, mit welchen man anbetet" u. s. w.

Die Töne, die hier angeschlagen werden, sind von der irrenärztlichen Klinik her wohlbekannt. Man vergleiche mit ihnen die Schilderung, die Legrain 1) von einigen seiner Kranken gibt: "Es ist immer Gott und die Jungfrau, seine Base, die in seinen Reden wiederkehren." (Es handelt sich um einen entarteten Pferdebahn-Schaffner.) "Mystische Gedanken vervollständigen das Bild. Er spricht von Gott, vom Himmel, bekreuzigt sich, kniet nieder, sagt, daß er dem Gesetze Christi folgt." (Der Gegenstand der Beobachtung ist ein Tagelöhner.) "Der Teufel will mich versuchen, aber ich sehe Gott, der mich beschützt. Sie müssen für mich beten. Ich habe von Gott verlangt, daß alle Leute schön seien u. s. w.

Der beständige Wechsel gegensätzlicher Stimmungen bei Verlaine, dieses geradezu regelmäßige Umschlagen von viehischer Brunst in gottseligen Ueberschwang und von Versündigung in Reue ist selbst Beobachtern aufgefallen, welche die Bedeutung dieser Erscheinung nicht kennen. "Er ist abwechselnd", sagt Anatole France 2), "gläubig und atheistisch, orthodox und ruchlos." Gewiß ist er das. Aber warum? Einfach, weil er ein "Zirkulärer" ist. Unter diesem von der französischen Psychiatrie erfundenen nicht sehr glücklichen Ausdrucke versteht [194] man Geisteskranke, bei denen Erregungs- und Ermattungszustände einander in regelmäßigem Wechsel folgen. Dem Zeitabschnitte der Erregung entsprechen die unwiderstehlichen Antriebe zu Missethaten und die lästerlichen Reden, dem Zeitabschnitte der Niedergeschlagenheit die Anwandlungen von Zerknirschung und Frömmigkeit. Die "Zirkulären" gehören zur schlimmsten Gattung der Entarteten. "Sie sind Trunkenbolde, schlüpfrig, bösartig und diebisch." 1) Sie sind aber auch namentlich zu jeder dauernden, gleichmäßigen Beschäftigung unfähig, da es einleuchtet, daß sie im Zustande der Niedergedrücktheit keine Arbeit leisten können, die Kraft und Aufmerksamkeit erfordert. Die "Zirkulären" sind durch die Natur ihres Leidens dazu verurtheilt, Vagabunden oder Diebe zu sein, wenn sie nicht einer reichen Familie angehören. In der normalen Gesellschaft ist für sie kein Platz. Verlaine ist sein ganzes Leben lang Vagabund gewesen. Er hat sich in Frankreich auf allen Landstraßen herumgetrieben, aber auch Belgien und England durchstreift. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnisse hält er sich meist in Paris auf, hat aber da keine Wohnung, sondern läßt sich unter dem Vorwande rheumatischer Schmerzen, die er sich als Landstreicher in den Nächten unter freiem Himmel übrigens leicht genug holen konnte, in den Krankenhäusern verpflegen. Die Verwaltung drückt ein Auge zu und gewährt ihm Freitisch und Obdach aus Rücksicht auf seine dichterische Thätigkeit. Entsprechend der beständigen Neigung des menschlichen Geistes, zu beschönigen, was man nicht ändern kann, überredet er sich, daß seine Landstreicherei, die ihm durch sein organisches Gebrechen aufgenöthigt ist, ein rühmlicher und beneidenswerther Zustand sei, er preist sie als [195] etwas Schönes, Künstlerisches und Erhabenes und sieht die Vagabunden mit überaus zärtlichen Augen an. "Ihre Beine," sagt er, ("Grotesques") sind ihr einziger Gaul, ihr einziges Gut ist das Gold ihres Blickes, auf der Straße der Abenteuer ziehen sie in Lumpen und abgemagert dahin. Der Weise schreit sie unwillig an, der Dummkopf beklagt diese sorglosen Verrückten (man findet bei jedem Wahnsinnigen und Schwachgeistigen diese Ueberzeugung, daß die Verständigen, welche ihn erkennen und beurtheilen, "Dummköpfe" sind), "die Kinder strecken vor ihnen die Zunge heraus, die Mädchen verhöhnen sie... Aber in ihren Augen lacht und weint empfindlich die Liebe der ewigen Dinge, der alten Todten und der verschollenen Götter. So geht, friedlose Vagabunden, schweift, unheilvoll und verwünscht, Abgründe und Küsten entlang unter dem geschlossenen Auge des Paradieses umher. Natur und Menschen verbünden sich, um die stolze Betrübniß, die euch mit erhobener Stirne dahinschreiten macht, nach Gebühr zu züchtigen" u. s. w. Und in einem andern Gedichte ("Autre") ruft er seinen Lieblingen zu: "Nun, meine Brüder, gute alte Diebe, süße Vagabunden, Strolche in Blüthe, meine Theuern, meine Guten, rauchen wir philosophisch, ergehen wir uns gelassen, Nichtsthun ist köstlich!"... Wie der Vagabund sich zu den Vagabunden hingezogen fühlt, so der Geistesgestörte zu den Geistesgestörten. Verlaine empfindet maßlose Bewunderung für König Ludwig II. von Bayern, diesen unglücklichen Irrsinnigen, dessen Bewußtsein schon lange vor seinem Tode völlig erloschen war, in welchem nur noch die scheußlichsten Triebe unsauberer Thiere von niedrigster Art die erstorbenen menschlichen Verrichtungen des zerstörten Gehirns überlebt hatten, und er singt ihm zu: "König, einzig wahrer König dieses Jahrhunderts, Heil, Majestät, die Sie sich an der Politik und der aufdringlichen Wissenschaft rächen wollten, an der Wissenschaft, die die Predigt, den Gesang, die Kunst, die ganze Lyra mordet – Heil, König, bravo, Majestät! Sie waren [196] ein Dichter, ein Soldat, der einzige König dieses Jahrhunderts... ein Blutzeuge der Vernunft im Sinne des Glaubens..."

In der Ausdrucksweise Verlaines fällt zweierlei auf. Einmal die häufige Wiederkehr desselben Wortes, derselben Wendung, jenes "Wiederkäuen", "rabâchage", das wir als Merkmal schwachsinnigen Denkens kennen gelernt aben. Fast in jedem seiner Gedichte werden einzelne Verse und Halbverse einigemale ungeändert wiederholt und statt eines Reimwortes erscheint oft einfach das nämliche Wort wieder. Wollte ich alle derartigen Stellen anführen, so müßte ich ungefähr seine sämmtlichen Gedichte abschreiben. Ich will also nur einige Proben geben, darunter mehrere in der Ursprache, damit ihre Eigenthümlichteit dem Leser voll zum Bewußtsein gelange. In "Crépuscule du soir mystique" erscheinen die Verse "Die Erinnerung sammt der Dämmerung" und "Georgine, Lilie, Tulpe und Ranunkel" ohne innere Nothwendigkeit je zweimal. Im Gedichte "Promenade sentimentale" verfolgt das Beiwort "blême", "fahl", den Dichter nach Art einer Zwangsvorstellung oder "Onomatomanie" und er wendet es auf Wasserrosen und Wogen (fahle Wogen!) an. "Nuit du Walpurgis classique" beginnt: " ... Ein rhythmischer Sabbat, rhythmisch, äußerst rhythmisch." In der "Serenade" wiederholen sich die beiden ersten Strophen wörtlich als vierte und achte. Ähnlich in "Ariettes oubliées": "In der endlosen Langweile der Ebene leuchtet der ungewisse Schnee wie Sand. Der Himmel ist aus Kupfer, ohne irgend ein Licht. Man möchte glauben, daß man den Mond leben und sterben sieht. Wie Dunst schweben grau die Eichen der nahen Wälder im Nebelhauch. Der Himmel ist aus Kupfer, ohne irgend ein Licht. Man möchte glauben, daß man den Mond leben und sterben sieht. Kurzathmige Krähe und ihr, magere Wölfe, was geht mit euch vor bei diesem schneidenden Winde? In der [197] endlosen Langweile der Ebene leuchtet der ungewisse Schnee wie Sand." "Chevaux de bois" fängt so an:

"Tournez, tournez, bons chevaux de bois,
Tournez cent tours, tournez mille tours,
Tournez souvent et tournez toujours,
Tournez, tournez au son des hautbois
."

In einem wirklich reizvollen Gedichte von "Sagesse" heißt es: "Der Himmel ist über dem Dache – So blau, so still. Ein Baum wiegt über dem Dache – Seine Palme. Am Himmel, den man sieht, – Klingt leise die Glocke, Auf dem Baume, den man sieht, – Singt ein Vogel seine Klage." In "Amour": Les fleurs des champs, les fleurs innombrables des champs... les fleurs des gens." "Champs" und "gens" klingen ungefähr gleich. Hier gibt das schwachsinnige Wiederholen ähnlicher Laute dem Dichter ein sinnloses Wortspiel ein. Und nun gar diese Strophe ("Pierrot Gamin"):

"Ce n'est pas Pierrot en herbe
Non plus que Pierrot en gerbe,
C'est Pierrot, Pierrot, Pierrot,
Pierrot gamin, Pierrot gosse,
Le cerneau hors de la cosse,
C'est Pierrot, Pierrot, Pierrot
."

Das ist die Rede von Ammen zu Säuglingen, bei denen es nicht auf einen Sinn, sondern blos darauf ankommt, dem Kinde Töne vorzuzwitschern, die ihm Vergnügen machen. Auf vollständigen Stillstand des Denkens, auf mechanisches Vorsichhinmurmeln deuten die Schlußverse des Gedichtes "Mains" hin: "Ah! wenn dies Traumhände sind – umso besser – oder umso schlimmer – oder umso besser."

Die zweite Eigenthümlichkeit der Redeweise Verlaines ist das andere Merkmal des Schwachsinns: das Verknüpfen gänzlich unzusammenhängender Haupt- und Beiwörter, die einander durch eine sinnlos schweifende Ideen-Assoziation oder durch eine Klang[198]ähnlichkeit rufen. Einige Beispiele haben wir schon in den bisher mitgetheilten Proben gefunden. Es war in diesen vom "ungeheuern und zarten Mittelalter" und vom "Brandmal, welches donnert" die Rede. Verlaine spricht auch von Füßen, "die mit einer reinen und weiten Bewegung glitten", von "einer engen und weitläufigen Zuneigung", von "einer langsamen Landschaft", "einem schlappen Saft" ("jus flasque"), einem "vergoldeten Duft", einer "zusammengefaßten" oder "gedrängten Umrißlinie" ("galbe succinct") u. s. w. Die Symbolisten bewundern diese Erscheinungsform der Imbecillität als "das Suchen nach seltenen und köstlichen Beiwörtern", "la recherche de l'épithète rare et précieuse."

Verlaine hat das deutliche Bewußtsein der Verschwommenheit seines Denkens und in einem psychologisch höchst bemerkenswerthen Gedichte, "Art poëtique", worin er eine Theorie seiner Lyrik zu geben sucht, erhebt er Nebelhaftigkeit zu einer grundsätzlichen Methode. "Vor allen Dingen: Musik!" ruft er, "und zu diesem Zwecke ziehe die zerflossenere und in der Luft leichter lösliche Ungeschicklichkeit vor, in der nichts ist, was wiegt und was sich anstellt." ("Sans rien en lui qui pèse ou qui pose;" die beiden Zeitwörter sind blos durch den ähnlichen Klang zusammengeführt.) "Du darfst auch deine Worte nicht ohne einige Verachtung wählen. Nichts ist köstlicher als das graue Lied, wo das Unbestimmte sich an das Genaue fügt. Blaue Augen hinter Schleiern, voller Tag unter der Mittagssonne zitternd, in einem gewärmten Herbsthimmel der blaue Wust heller Sterne. Denn wir wollen immer noch mehr Abstufung; nicht die Farbe, blos die Abstufung. O! die Abstufung allein vermählt den Traum dem Traume und die Flöte dem Horn." (Diese Strophe ist rein delirirend; sie stellt die "Abstufung" zur "Farbe" in einen Gegensatz, als ob diese nicht in jener enthalten wäre. Was dem armen schwachen Gehirn Verlaines schwante, von ihm [199] aber nicht fertig gedacht werden konnte, das ist wahrscheinlich, daß er die gedämpften und gemischten Farben, die an der Grenze verschiedener Farben stehen, den starken Vollfarben vorzieht.) "Fliehe so weit wie du kannst den mörderischen Schlußgedanken" (la Pointe assassine), "den grausamen Geist und das unreine Lachen, welche die Augen der Himmelsbläue weinen machen, und all diesen Knoblauch niedriger Kochkunst..."

Es sei nicht geleugnet, daß diese dichterische Methode in der Hand Verlaines manchmal außerordentlich schöne Ergebnisse liefert. Es gibt im französischen Schriftthum wenige Gedichte, welche der "Chanson d'automne" an die Seite gestellt werden können: "Das langgezogene Schluchzen der Geigen des Herbstes verwundet mein Herz mit einer eintönigen Sehnsucht. Erstickend und fahl erinnere ich mich, wenn die Stunde schlägt, der alten Tage und weine. Und ich gehe weiter im bösen Winde, der mich dahin und dorthin wirbelt wie ein welkes Blatt." Selbst in der absichtlich trockenen Uebersetzung, die jedem verschwommenen Worte des Urtextes einen vom Dichter nicht gewollten scharfen Umriß gibt, bleibt noch etwas von dem schwermüthigen Zauber dieser im Französischen reich gereimten, von Musik erfüllten Verse. Auch "Avant que tu ne t'en ailles" (S. 99) und "Il pleure dans mon coeur" (S. 116) sind als Perlen französischer Lyrik zu bezeichnen. Das macht: zur reinen Stimmungsdichtung reichen die Mittel eines stark emotiven denkunfähigen Träumers aus, aber hier ist auch die Grenze, die ihm unerbittlich gezogen ist. Halten wir uns immer gegenwärtig, was Stimmung ist. Dieses Wort bezeichnet einen Seelenzustand, in welchem durch organische Erregungen, die das Bewußtsein nicht unmittelbar wahrnehmen kann, dieses mit gleichmäßigen Vorstellungen erfüllt ist, die deutlicher oder minder deutlich ausgearbeitet sind und sich sammt und sonders [200] auf jene dem Bewußtsein unzugänglichen organischen Erregungen beziehen. Die bloße Aneinanderreihung von Worten, welche diese im Unbewußten wurzelnden assoziirten Vorstellungen nennen, drückt die Stimmung aus und kann sie bei einem Andern erwecken. Eines Grundgedankens, eines fortschreitenden Vortrags, der ihn entwickelt, bedarf es nicht. Solche Stimmungsgedichte gelingen Verlaine denn auch manchmal überraschend. Wo aber eine bestimmte Anschauung, ein Gefühl, dessen Anlaß dem Bewußtsein deutlich ist, ein in Zeit und Raum wohlbegrenzt ablaufender Vorgang dichterisch vermittelt werden soll, da versagt die Poetik des emotiven Schwachsinnigen vollständig. Beim gesunden und geistesstarken Dichter ist selbst die reine Stimmung an deutliche Bilder geknüpft, nicht ein bloßes Wallen von Duft und Rosanebel. Gedichte wie "Ueber allen Gipfeln ist Ruh," "Der Fischer" oder "Freudvoll und leidvoll" kann der emotive Entartete nie schaffen, aber andererseits sind auch die wunderbarsten Goetheschen Stimmungsgedichte nicht so völlig körperlos, nicht so gehaucht wie drei oder vier der allerbesten Gedichte eines Verlaine.

So steht nun das Bild dieses gerühmtesten Führers der Symbolisten deutlich vor uns. Wir sehen einen abschreckenden Entarteten mit asymmetrischem Schädel und mongolischem Gesicht, einen impulsiven Landstreicher und Säufer, der wegen eines Sittlichkeitsverbrechens im Zuchthause gesessen hat, einen schwachsinnigen emotiven Träumer, der schmerzlich gegen seine bösen Triebe ankämpft und in seiner Noth manchmal rührende Klagetöne findet, einen Mystiker, dessen qualmiges Bewußtsein Vorstellungen von Gott und Heiligen durchfluten, und einen Faselhans, der durch unzusammenhängende Sprache, Ausdrücke ohne Bedeutung und krause Bilder die Abwesenheit jedes bestimmten Gedankens in seinem Geiste bekundet. Es gibt in Irrenanstalten viele Kranke, deren geistiger Verfall nicht so tief und unheilbar ist wie der dieses zu seinem eigenen Scha[201]den frei umhergehenden "zirkulären" Unzurechnungsfähigen, den nur unwissende Richter wegen seiner epileptoiden Verbrechen haben verurtheilen können

 

 

[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern bezeichneten Seiten]

[182] 1) Jules Huret: Enquête sur l'Evolution littéraire. Paris, 1891.   zurück

[189] 1) Huret, a. a. O. S. 65.   zurück

[189] 2) Paul Verlaine, Choix de poësies, Paris. 1891.   zurück

[189] 3) Lombroso, L'Uomo delinquente. S. 184   zurück

[189] 4) Lombroso, a. a. O. S. 276.   zurück

[190] 1) Verlaine, a. a. O., S. 272.   zurück

[190] 2) Verlaine, a. a. O., S. 72, 315, 317.   zurück

[192] 1) Verlaine, a. a. O. S. 175, 178.   zurück

[193] 1) Legrain, Du délire chez les dégénérés, S. 135, 140, 164.   zurück

[193] 2) Huret, a. a. O. S. 8.   zurück

[194] 1) E. Marandon de Montyel, De la criminalité et de la dégénérescence. Archives de l'anthropologie criminelle. Mai 1892. S. 287.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Max Nordau: Entartung.
Bd. 1. Berlin: Duncker 1892.

Unser Auszug: S. 182-201
aus dem Kapitel "Die Symbolisten" (S. 158-224).

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:061:1-527199

 

Kommentierte Ausgabe

 

 

 

Werkverzeichnis


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Nordau, Max: Emile Goudeau.
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1906, Nr. 15124, 29. September, S. 1-3.
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Nordau, Max: Fremdenhaß.
In: Neue Freie Presse. Morgenblatt.
1907, Nr. 15239, 23. Januar, S. 1-3.
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Nordau, Max: Catulle Mendès.
In: Pester Lloyd. Morgenblatt.
1909, Nr. 38, 14. Februar, S. 1-3.
URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=pel

Nordau, Max: Jean Moréas.
In: Neue Freie Presse. Morgenblatt.
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URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp

Nordau, Max: Das Pariser Dschungel.
In: Neue Freie Presse. Morgenblatt.
1912, Nr. 17091, 22. März, S. 1-3.
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Lyriktheorie » R. Brandmeyer